Rezension | Nation Alpha von Christin Thomas

Vorgestern habe ich ein ganz besonderes Buch gelesen. Eines, das mir nun sehr am Herzen liegt. Eines, dem ich so viel mehr als nur ein wenig mehr Beachtung wünsche. Eines, das mich sehr berührt hat. Aber lest selbst.


Klappentext:
Ich bin eine Omega. Wir werden als Sklaven für die Königsrasse der Alphas gezüchtet und haben keine Rechte, keinen Namen, kein Leben. Man behandelt uns nicht wie Menschen, sondern wie Ware. Nach dreihundertjährigem Martyrium wollen die Alphas uns auslöschen und durch Maschinen ersetzen. Meine Zeit ist abgelaufen, falls der verzweifelte Rettungsplan nicht gelingt. Doch wer würde darauf bauen, wenn die sogenannten Retter selbst Alphas sind? Kann ich ihnen vertrauen oder ist unser Untergang bereits besiegelt?

Meine Meinung:
Ich war mir von Anfang an sicher, dass dieses Buch etwas besonderes sein muss. Das Cover, der Titel und alles, was ich darüber gehört habe, ließen gar keine anderen Optionen offen. Als das Buch schließlich bei mir einzog war dieses Gefühl noch immer da und schließlich habe ich es einfach in die Hand genommen und zu lesen begonnen, obwohl ich allgemein akute Unlust zu lesen hatte. Dennoch hat mich das Buch gefesselt, sodass ich es einfach nicht mehr weglegen konnte.
Gleich zu Beginn lernen wir die namenlose Protagonistin und ihre Welt kennen. Ein furchtbares Bild, denn sie ist eine Omega - eine Sklavin der Alphas. Der Leser erfährt sehr schnell, wie dieses System funktioniert. Die Alphas - die weißen Menschen - herrschen in der Nation über all jede mit anderen Hautfarben. Je dunkler, umso wertloser und schmutziger sind sie laut diesem System.
Die Protagonistin nimmt uns mit in ihr Leben. Wir erleben mit ihr gemeinsam ihre Qualen, seelische wie körperliche und begleiten sie zu einem neuen Herrn. Bei diesem scheint einiges ungewöhnlich zu sein. Die Omega soll sich um die Tochter des Hauses kümmern, die ein großes Interesse an ihrer Sklavin hegt und immer wieder versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Doch eine Omega darf nicht mit ihren Dienstherren über belangloses quatschen. Sie muss ihre Aufgaben erfüllen und sich ansonsten unsichtbar machen, sonst drohen ihr beim kleinsten Vergehen unsagbare Strafen.
Wie bereits erwähnt ist die Protagonistin eine Omega. Sie ist vom leben gezeichnet, trägt innere wie äußere Narben und misstraut jedem, obwohl sie eigentlich ein gutes Herz hat. Was mich sehr berührt hat war, dass sie so nahbar war. Dass sie so stark war, obwohl sie sich selbst nie so gesehen hat.
Die Kontakte zu anderen Charakteren waren zu Beginn sehr selten und wenn, dann von Angst, Demut oder Distanziertheit geprägt. Mit der Zeit hat sich dies jedoch geändert und die Art und Weise, wie dies passiert ist, hat mir sehr gefallen. Man hat ihr bis zum Schluss angemerkt, wie verunsichert sie durch das Wesen anderer Menschen ist, die ihr nichts böses wollen. Obwohl sie irgendwann Vertrauen fasst und selbstsicherer wird, legt sie ihre Vergangenheit nie ab. Wie sollte sie auch, schließlich ist es ihre Vergangenheit und aus dieser kann man nicht einfach herausschlüpfen. Ich habe ihre Charakterentwicklung sehr gerne miterlebt, da diese sehr natürlich wirkte. Man weiß, warum sie so ist, wie sie ist und warum sie sich verhält, wie sie sich verhält. Dabei habe ich ihren Charakter sehr bewundert. Trotz allem, was ihr widerfahren ist, hat sie sich ihre Menschlichkeit und ihr Herz bewahrt, obwohl dies doch niemand in ihrem Umfeld hat. Sie kannte weder Gerechtigkeit noch Liebe, dennoch trug sie all dies in sich. Zunächst versteckt, doch man konnte wundervoll beobachten, wie sich all dies entwickelt und aus ihrem Inneren hervorgekämpft hat. Ihr Charakter ist so vielschichtig, so besonders und unglaublich liebenswert. Ich mochte sie unfassbar gerne und konnte mich vollständig auf sie einlassen. Außerdem konnte ich mich auch ziemlich gut mit ihr identifizieren, was mir bei Büchern, die so tragische Schicksale behandeln, oft schwerfällt. Doch dieses Buch ist anders als andere Bücher. Es ist kein Erlebnisbericht. Es hat nicht den Anspruch auf Echtheit, obwohl es so echte Themen behandelt. Dadurch war ich den Charakteren, besonders der Protagonistin, viel näher. Darum habe ich dieses Buch geliebt.
Ohne zu viel zu verraten möchte ich noch eben einige weitere Charaktere erwähnen. Zum Einen wären da die anderen Omegas, die man nicht sehr gut kennenlernt. Gerade das fand ich jedoch gut und verständlich. In Anbetracht ihres Schicksals und der Umgebung, in der man sie antrifft, wäre es eher verwunderlich gewesen, wenn sie einen Blick in ihr Wesen zugelassen hätten, wo sie doch von Kindesbeinen an darauf trainiert worden sind, sich zu verstecken und unscheinbare Statisten zu sein.
Was mir sehr gefallen hat war, dass die Alphas untereinander auf den zweiten Blick oft sehr verschieden waren. Wo die Masse gehässig, aggressiv, schadenfroh und blutlüstern ist, kann man so viel mehr Mensch in den Alphas erkennen, wenn man sie außerhalb der Menge betrachtet. Während ein wichtiger Mann mit viel Einfluss sehr hart und brutal ist, verstehen wir auch nach einer Weile, dass es nicht die pure Bosheit ist, die ihn zu seinen Taten treibt. Er bleibt ein furchtbarer Mensch, aber wir verstehen seine Beweggründe, obwohl sie uns so unverständlich sind. Doch man erfährt, dass auch er Ziele, Gefühle und Vorstellungen hat. Dagegen lernen wir auch Menschen kennen, die selbst Gefangene ihres eigenen Systems sind. Menschen, die dazu erzogen wurden, kaltherzige Monster zu sein. Wir erfahren, dass man diese Vorstellungen und Charakterzüge nur schwerlich ablegen kann, aber wir erfahren auch, dass all dies nur Menschen sind, die Fehler machen. Manche Menschen ändern sich, andere nicht.
Was ich auch sehr schön fand war, dass es selbst unter den Alphas Menschen mit Herz gab. Ein Hauch von Hoffnung. Gutherzigkeit und Menschlichkeit. Sie sind nur eine zarte Knospe, aber sie sind da.
Ich bin beeindruckt, wie schnell ich das Buch gelesen habe. Es hat natürlich nicht ganz so viele Seiten, doch der Schreibstil und die Geschichte haben mich derart gefesselt, dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe. Ich habe es auch nicht als anstrengend empfunden, obwohl ich die halbe Nacht gelesen habe. Der Schreibstil ist sehr locker, leicht zugänglich und es gelingt der Autorin, dieses schwere Thema gefühlvoll und bedacht an den Leser zu bringen. Ganz ohne Wertung, ohne Vorwürfe, ohne Hass und ohne, dass es zu schrecklich wäre, um es einfach zu lesen. Mir hat ausgesprochen gut gefallen, dass das Buch so leicht war. Es spricht einen auf so vielen emotionalen Ebenen an, man fühlt mit der Protagonistin mit, leidet, hofft, hat Angst, ist misstrauisch - aber man wird nicht davon erschlagen, nur mitgerissen. Ich ziehe meinen Hut vor der Autorin, dass sie dies geschafft hat. Es ist eine Kunst, eine Geschichte mit so vielen grausamen Dingen zu erzählen, ohne die Qualen als Nebensache abzuwerten oder so sehr ins Detail zu gehen, dass es einen Abschreckt und Distanz hervorruft. Es passiert so oft, dass gerade bei solch schwierigen Themen durch den Schreibstil Distanz hervorgerufen wird. Hier ist das absolut nicht der Fall. Man ist mit Herz, Seele und Kopf voll im Buch, ohne, dass es einen umhaut oder zu sehr zerstört. Im Gegenteil, man kann sich gut in diese Welt hineinversetzen und alles in sich aufnehmen, vielleicht schlauer daraus hervorgehen und wichtiges für sich mitnehmen - aber in jedem Fall hat man das Lesen genossen und das ist meiner Meinung nach das Wichtigste.
Ich bin beeindruckt von der Umsetzung des Themas. Noch nie habe ich ein vergleichbares Buch gelesen. Es ist eine Dystopie, eher der Unterhaltungsliteratur als wirklich hartem Stoff zuzuordnen, obwohl die Geschichte so schwer wiegt und das Schicksal der Protagonistin etwas ist, das alles andere als weit hergeholt ist. Das Thema betrifft die gesamte Menschheit seit Anbeginn ihrer Zeit. Es betrifft uns alle, es ist ein schrecklicher Teil unserer Geschichte und auch unserer Gegenwart. Es wird auch Teil unserer Zukunft sein. Sich diesem Thema zu nähern erfordert Mut und Recherche. Ein Buch darüber zu schreiben erfordert noch mehr Mut und Feingefühl.

Christin Thomas ist nicht die erste, die ein Buch zu diesem Thema schreibt, aber meines Wissens nach ist sie die erste, die es so schreibt, dass man das Buch wirklich lieben kann. Ich zumindest habe es in mein Herz geschlossen. Es trägt einen Hauch der Fiktion in sich, tut ein wenig so, als sei es eine normale Dystopie mit einigen futuristischen Erfindungen und einer erfundenen Gesellschaft. Doch dabei entfernt sich das Buch kaum mehr als einen Katzensprung von der Realität. Vielleicht nicht unbedingt von meiner oder deiner Realität, aber von einer Realität, die es für viele Menschen gab, gibt und leider auch geben wird.
Mir hat gerade dieser Hauch des Fiktiven sehr gefallen, denn er erlaubt dem Leser, eine tiefe Bindung zu der Geschichte, den Charakteren und dem Thema aufzubauen, ohne, dass es aufgesetzt wirkt. In diesem Buch steckt ein Funke Fantasie, der es einem ermöglicht, die Geschichte unvoreingenommen und von aktuellen Themen und Ansichten losgelöst zu lesen, sie zu erleben und besser zu verstehen, als es ohne eben diesen Funken möglich wäre. Und genau das ist es, was ich an der Fantasie so mag. Sie lässt einen weiter denken, mehr fühlen und besser verstehen. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, diese Mischung gewagt zu haben.

Ein ganz klarer Geheimtipp. Ich kann dieses Buch jedem uneingeschränkt empfehlen. Ich sage euch - dir: Lies dieses Buch. Du wirst es ebenso ins Herz schließen wie ich. Auch du wirst von der Geschichte gefesselt werden und sie nicht so schnell wieder vergessen.
Dieses Buch belehrt nicht. Es beißt ein wenig, aber es liebt auch.
Mit einem Atemzug ist mir dieses Buch wichtig geworden. Ich kann nicht mehr tun, als euch dazu zu raten, es zu lesen. Es ist ein kleiner Schatz. Ein wunderschöner noch dazu.



Infos:
Autorin: Christin Thomas
Seitenzahl: 252
Verlag: Zeilengold Verlag
ISBN: 978-3946955092

Kommentare:

  1. Ohne zu viel von dem Buch zu verraten...: Ich habe es im Hotel am Kalterer See in, ich glaube 3 Tagen, durchgelesen... Wirklich sehr zu empfehlen

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